Ischler Hydraulischer Kalk

Schon die Römer haben die Tatsache zu nutzen gewusst, dass aus einer Mischung von gelöschtem Branntkalk und natürlichen oder künstlichen Puzzolanen (vulkanische Asche, Trass, Ziegelmehl) ein hydraulisches Bindemittel, der „Puzzolankalk“, entstand. Mit Wasser und Sand vermischt ergab der Puzzolankalk ein wasserfestes („hydraulisches“) Produkt, dass zwar langsam, aber zu großer Festigkeit erhärtete und sich daher für Seewasserbauten (Hafenanlagen) bestens bewährte. Selbst das berühmte Pantheon in Rom, das auch heute noch die größte, nicht bewehrte Betonkuppel der Welt besitzt, wurde vor gut 2 000 Jahren aus diesem Bindemittel errichtet. Das römische Heidentor in Carnuntum ist das älteste Betonbauwerk Österreichs.

Aber wie so vieles technische Kulturgut, so ging auch die Kenntnis der Herstellung dieses Betons und des zu ihm gehörenden Bindemittels vermutlich in den Wirren der Völkerwanderung verloren.

Erst um die Mitte des 18. Jh. begann man in England, dessen maritime Lage zahlreiche Wasserbauten bedingte, hydraulische Kalke und Zemente durch Brennen von natürlichen Kalksteinen herzustellen. 1759 fand der englische Ingenieur John Smeaton heraus, dass sich besonders diejenigen Kalksteinsorten gut eigneten, die beim Lösen in Salpetersäure einen tonigen Rückstand hinterließen. Folglich zog John Smeaton einen solchen, mit Ton verunreinigten Kalkstein („Mergel“) für die hydraulischen Bindemittel heran, die er nun selbst in großem Umfang zu brennen begann. Als erstes Betonbauwerk der Neuzeit wurde 1774 der Leuchtturm von Eddystone in England aus Smeatons hydraulischen Kalken errichtet.

Auf diese Entdeckung gestützt, erfand der Engländer James Parker 1796 ein hydraulisch erhärtendes Produkt, das er aus einem nahe London abgebauten, sehr stark tonhaltigen Kalkmergel, gebrannt hatte. Parker lies sein Bindemittel als „Romanzement“ patentieren. Der Kalkmergel wurde dabei knapp bis zur Sinterung (Zusammenbacken ohne Schmelzen) auf rd. 1200°C erhitzt.

Der Zement, zunächst in Erinnerung an die römischen Betone als „Romanzement“ bezeichnet, war wieder erfunden.

Da hydraulische Baustoffe nun ohne importierte vulkanische Bestandteile oder teures Ziegelmehl hergestellt werden konnten, begann man, an vielen Orten nach natürlichen tonhaltigen Kalken mit guter“ Hydraulizität“ zu suchen. Unter „Hydraulizität“ versteht man die Eigenschaft eines Bindemittels, z. B. Zement, hydraulisch, d. h. mit Wasser angemacht, sowohl an Luft als auch unter Wasser zu erhärten.

Erst 1818 fand der französische Chemiker Louis Vicart heraus, dass zur Herstellung idealer Baukalke Kalkgestein mit 27 – 30% Tongehalt erforderlich ist. Ab diesem Zeitpunkt verbreitete sich die Romanzementherstellung rasch von England und Frankreich ausgehend auf alle anderen Länder Europas.

Romanzement war von 1800 bis 1850 das in Europa bevorzugt verwendete Bindemittel, bevor es durch den ebenfalls in England erfundenen Portlandzement ab 1850 abgelöst wurde. Portlandzement wird oberhalb der Sintertemperatur von 1475°C gerbrannt und ergibt so ein hydraulisches Bindemittel mit deutlich höheren Festigkeiten als der Romanzement.

 

 

Die Produktion des Ischler Romanzements begann bereits 1845. In diesem Jahr wurde auf Bestreben des Verwesamtes ein ausgedehntes Vorkommen, von zum Brennen von hydraulischen Kalken geeigneten Mergelschichten am Ischler Salzberg entdeckt. Die Hofkammer genehmigte rasch die Mittel zum Bau eines Brennofens und eines Quetschwerkes unterhalb des Ludovika Stollens. Da der im Salzkammergut sonst nicht erhältliche hydraulische Kalk bald auch private Kaufwerber anzog und die Saline sich dieses Geschäft nicht entgehen lassen wollte, erweiterte sie die ursprüngliche Anlage für eine Jahreserzeugung von 3000 bis 6000 Zentner.

Bereits 1846 errichtete man beim Josef Stollen 2 Brennöfen, ein größeres Quetsch- und Pochwerk sowie eine Mühle zur Feinvermahlung des hydraulischen Kalkes. Mit einem Klafter Holz konnten 30 Zentner hydraulischer Kalk gebrannt werden. 1847 verkaufte die Saline wöchentlich 120 Zentner gebrannten hydraulischen Kalk. Das rege Geschäftsinteresse führte den Ischler hydraulischen Kalk, um ihn in der Provinz bekannt zu machen, sogar nach Linz, wo ihn die Verwaltung anlässlich einer Industrieausstellung in verschiedenen Mustern zur Schau stellte.

August Aigner, k. k. Ober-Bergverwalter am Ischler Salzberg, beschreibt die „Cementfabrikation am k. k. Salzberge Ischl“ in einem 1880 im Berg- und Hüttenmännischen Jahrbuch erschienen Artikel.

Die Fabrikation hatte nur den eigenen Bedarf zu decken. Sie war auf die während der Sommermonate andauernden Regenmengen beschränkt, da die Poch- und Mahlaggregate mit einem Wasserrad betrieben werden mussten.

Als Rohmaterial dienten die gegenüber der Einmündung des Gaisbaches in den Sulzbach anstehenden, rund 100 Mio Jahre alten Mergelschichten der unteren Kreidezeit. Diese Gesteine werden heute zu der geologischen Formation der „Unteren Roßfeldschichten“ gezählt. Es handelt sich dabei um gut geschichtete, dunkelgraue, sandige Mergelschiefer und Kalkmergel.

Die Mergelschichten wurden im unmittelbar am Sulzbach gelegenen Steinbruch abgebaut und über eine Brücke auf einer kleinen, rund 50 m langen Eisenbahn zu den beiden am Gaisbach gelegenen Brennöfen transportiert.

Das Brennen der Mergelgesteine geschah in den beiden kleinen Schachtöfen. Zum Befüllen eines Ofens waren 6,5 m³ Steine erforderlich. Das Brennen dauerte 48 bis 60 Stunden. In diesem Zeitraum wurden durchschnittlich 15 Raummeter weiches Holz verbrannt. Ein Brand lieferte gebrannte Steine für durchschnittlich 5200 kg Kalkmehl.

Die von den Öfen kommenden gebrannten Steine wurden zuerst in einem Pochwerk verstampft und dann in einer Mühle gemahlen. Das Pochwerk und die Mühle wurden mittels eines 6,2 m hohen, 65 cm breiten und 25 cm tiefen oberschlächtigen Wasserrades angetrieben. Die Wasserzuleitung aus dem Sulzbach erfolgte ein 58 m langes, 31 cm breites und 25 cm tiefes hölzernes Rinnwerk. Die so zugeleitete Wassermenge ergab eine Rohkraft von 2,7 PS. Bei genügend Wasserzufluss konnten das Pochwerk und die Mühle gemeinsam betrieben werden. Bei abnehmenden Wasserzufluss ging nur mehr ein wechselweiser Betrieb von Pochwerk oder Mühle.

Das Pochwerk bestand aus 8 mit Eisenschuhen beschlagenen Stempeln, welche von den in der langen Wasserradwelle eingesetzten, mit Eisenblech beschlagenen, 24 hölzernen Hebedaumen 30 cm hochgehoben wurden. Anschließend fielen Stempel auf die, in der Pochwerksnische auf 2 harten Bäumen liegenden, 2 schmiedeeisernen Stampfplatten herab und zerkleinerten so die gebrannten Steine.

 

Der Betrieb der Mühle geschah auf folgende Weise:

Das auf der Wasserradwelle angebrachte Kegelrad griff in das darüber befindliche senkrecht stehende Getriebe ein, auf dessen Welle die erste Riemenscheibe angebracht war. Diese trieb die zweite Riemenscheibe, die auf einer senkrechten Transmissionswelle befestigt war, an. Die dritte Riemenscheibe war am unteren Ende dieser Transmissionswelle angebracht. Diese bewegte schließlich die vierte Riemenscheibe, die sich auf der Mühlstange befand und somit die Mühle antrieb.

Im Pochwerk konnten in einer achtstündigen Schicht durchschnittlich 350 kg grober Kalkstein zerkleinert werden. Die Mühle erzeugte in derselben Zeit 260 kg fein gemahlener hydraulischer Kalk.                                                                                                                                   

Im Schnitt konnten so in den 1870er Jahren 36 288 kg/a gemahlener, hydraulischer Kalk erzeugt werden.

Am Ischler Salzberg verwendete man den hydraulischen Kalk vor allem für Stollenausmauerungen in feuchten, brüchigen Strecken sowie zur Erzeugung von Betonrohren zur Einleitung, des für die Soleproduktion nötigen Süßwasser, in die Grube.

Das bereits 1845 in Betrieb gegangene „Zementwerk“ am Ischler Salzberg ist die mit Abstand älteste Zementproduktionsstätte Oberösterreichs. Die anderen Oberösterreichischen Zementwerke wurden erst wesentlich später gegründet, nämlich 1888 das Zementwerk Hoffmann in Kirchdorf und 1908 das Zementwerk Hatschek in Gmunden. Selbst die nahegelegenen Salzburger Zementwerke sind jünger. Das Zementwerk Leube in Gartenau startete 1852 und das Perlmooser Zementwerk in Hallein Gamp 1859.

Die älteste Zementproduktionsstätten Österreich – Ungarns befanden sich in Tirol, und zwar ab 1838 in Bad Häring sowie ab 1842 in Endach bei Kufstein. Franz Kink konnte 1842 bereits 700 t hydraulischen Kalk erzeugen. Der überwiegende Teil seiner Produktion wurde in Fässern verpackt über Inn und Donau nach Wien verschifft. Ohne Tiroler Zement wären die späteren Ringstraßenbauten nicht möglich gewesen. Sämtliche Zierornamente wurden als Fertigteile aus hydraulischen Kalkmörteln hergestellt.

Verwendete Quellen:

August Aigner „Cementproduktion am kk Salzberge Ischl_Bhmjb_28. Jg_Wien_1880

Carl Schraml „Das oberösterreichische Salinenwesen von 1750 bis zur Zeit nach den Franzosenkriegen“, Wien 1934

Carl Schraml „Das oberösterreichische Salinenwesen von 1818 bis zum Ende des Salzamtes 1850“, Wien 1936