Markscheidekunst

Unter „Markscheidekunst“ versteht der Bergmann sämtliche untertägigen, bergmännischen Vermessungsarbeiten.

Der bergmännische Vermessungstechniker („Markscheider“) heißt im alpinen Bergbau auch „Schiner“ und seine Meßeinrichtung ist das „Schinzeug“. Diese seit dem 16. Jh. gebräuchliche Bezeichnung leitet sich vom lat. scindere = teilen ab.

 Mit dem „Schinzeug“ zur Messung von Horizontal- und Vertikalwinkel und Messschnüren zur Messung von Distanzen konnten einfache Polygonzugmessungen durchgeführt werden. Die Messdaten wurden in die „Schinbücher“ eingetragen.  In den Reformationslibellen von 1524, 1563 und 1656 sind die Daten der Schinzüge, d. h. Richtung, Steigung und Länge von den Grubenbauen der Salzbergbaue Hallstatt und Ischl aus der Zeit der Erstellung des Libells erhalten geblieben.      

                                                                                                               

Das Messen von Längen zählte zu den ältesten Aufgaben eines Markscheiders. Die älteste Form der Längenmessung stammte schon von den Römern und betraf Glieder des menschlichen Körpers, wie Schritt, Fuß, Elle oder Hand.

Breitet ein Mensch beide Arme aus, dann bekommt man ein weiteres Maß, welches in Nord- und Mitteldeutschland „Lachter“ und in Süddeutschland und Österreich „Klafter“ genannt wurde. Das Lachter oder Klafter war 1,7 – 1,9 m lang und in jedem Bergrevier etwas unterschiedlich. Zur Vereinfachung der Längsmessungen verwendete man aus Hanf oder Lindenbast gefertigte Messschnüre, die bis zu 100 Lachter lang sein konnten.

Das jeweilige Längenmaß war durch eine verordnete Messlatte vom jeweiligen Landesherren festgelegt und galt nur für das betreffende Revier. Als Längeneinheit verordnete der Kaiser im Salzkammergut das „Österreichische Kammergutstabl“. 1 Stabl entsprach einer Länge von 1,195m. Das Stabl wurde 1838 im Zuge von Zentralisierungsmaßnahmen durch den Wiener Klafter (1 Wiener Klafter = 1.896m) ersetzt. Schließlich wurde bei den Österreichischen Salinen am 1. Jänner 1876 das auch heute noch gültige Metermaß eingeführt.

Horizontale oder auch vertikale Winkelmaße waren viel schwieriger zu messen. Die ersten reproduzierbaren Winkelmessungen gelangen zunächst nur mit Hilfe der „Wachsscheibenmethode“. Die Wachsscheibe bestand aus einer Holzscheibe, deren Durchmesser von 160 bis 300 mm schwanken konnte. In der Holzscheibe waren etwa 3 bis 7 Rillen in Form konzentrischer Kreise eingelassen. Diese Rillen waren mit Wachs unterschiedlicher Farbe ausgegossen. Eine Winkeleinteilung war nicht vorhanden.

Der Messvorgang stellte sich so dar, dass die Wachsscheibe auf einem Stockstativ oder Dreifuß angebracht war und man von diesem Punkt aus Schnüre in Richtung der Zielpunkte spannte. Diese Schnüre drückte man in einer der Wachsrillen ab und hatte somit den Winkel.

Diese Methode fand vor allem im alpinen Raum Verwendung, wurde im 17. Jahrhundert auch im Harz angewandt.

Auch für die Messung von Neigungswinkeln wurden Bögen mit Wachsrillen eingesetzt.

Das Vermessungswesen wurde um 1500 durch die Einführung des Grubenkompasses wesentlich vereinfacht. Die magnetische Ausrichtung der Winkel- und Richtungsbestimmung konnte durch eine einfache Ablesung an der Kompassskala erfolgen. Die Wachsscheibe hatte ausgedient.

Die seefahrenden Wikinger hatten schon ihren geheimnisvollen „Segelstein“ gehütet. Ein Stück Magneteisenstein aus Skandinaviens reichen Bodenschatz, in ein Schilfrohr gebettet, aufs Wasser gelegt, schwamm in die Richtung des Magnetfeldes der Erde und wies getreulich stets nach Norden.

In Italien war der von den Wikingern auf See benutzte Kompass seit dem 13. Jahrhundert bekannt. Italienische Bergleute dürften den Kompass und das

Wissen zu uns gebracht haben.     

                                                                                                                                                                               

Der Grubenkompass mit der Magnetnadel als Richtungsweiser blieb Grundlage für die Winkelmessung im alpinen Salzbergbau für mehr als drei Jahrhunderte.

Optische Vermessungsinstrumente wie z. B. der Theodolit fanden im Salzbergbau erst um die Mitte des 19. Jh. ihren Eingang.

Die alten Markscheider verwendeten nicht die heute gebräuchlichen Himmelsrichtungen, sondern sie beschrieben den Sonnenstand. „Morgenseitig“ bedeutete der Osten, „mittagsseitig“ entsprach dem Süden und mit „abendseitig“ war der Westen gemeint. Außerdem wurde ein Kreis nicht in 360 Grad, sondern ebenfalls dem Sonnenlauf entsprechend, in 24 Stunden zu je 60 Minuten pro Stunde, eingeteilt.

Die Einführung des verjüngten Maßstabes beim bergmännischen Vermessungswesen muss als eine epochale Tat angesehen werden. Bevor diese Idee sich allgemein durchzusetzen begann, mussten bei schwierigen Vermessungsaufgaben die Markscheider des Salzkammergutes im Salzbergbau warten, bis die dortigen Seen zugefroren waren. Denn auf den ebenen Eisflächen wurden die gemessenen Größen in natürlicher Länge, also 1:1 aufgetragen, um so die Richtungswinkel und die Abstände zweier Durchschlagspunkte in wahrer Größe ablesen zu können. Vor Ort wurde dann über die anzulegenden Grubenbaue ausgiebig diskutiert. Die Obrigkeit bemängelte in vielen Eingaben die hohen Kosten, die bei den endlosen Diskussionen für Verpflegung und Unterkunft für die Bergbausachverständigen anfielen.

Die ersten überlieferten Grubenkarten in Hall in Tirol stammen aus dem Jahre 1533, auf dem Dürrnberg in Hallein aus dem Jahre 1535, aus dem Salzbergbau Altaussee aus dem Jahre 1611 und vom Salzbergbau Hallstatt aus dem Jahre 1616.

Das erste Schinbuch vom Ischler Salzberg stammt aus dem Jahre 1585, es enthielt nur Längen- und Tiefenmaße, aber keine Richtungsangaben.

Die erste vollständige, von Ischler Bergleuten aufgenommene Grubenkarte des Ischler Salzberges stammt aus dem Jahre 1648. Die darauf verzeichneten 5 Hauptschachtrichten mit allen Kehren und Bauen sind daher seit der Eröffnung des Salzberges im Jahre 1563 angelegt worden. Der Aufschluss des Ischler Lagers ging viel rascher vor sich wie der in Hallstatt.

Die 5 dargestellten Hauptschachtrichten waren der Mitterberg-, Alte Steinberg-, Obernberg-, Erzherzog Matthias-, Neuberg- und Frauenholzstollen.

 

Ältere Grubenkarten des Ischler Salzberges sind nur wenige erhalten geblieben. Das oö Landesarchiv besitzt bloß je eine Aufnahme des Matthias- und Frauenholzberges aus der ersten Hälfte des 17. Jh., dafür aber desto mehr Aufnahmen aus dem 18. und 19. Jh.

1763 betraute eine kaiserliche Untersuchungskommission den Berginspektor Solinger mit der Neuaufnahme des Ischler Salzberges. Die erst 1772, lange nach Sollingers Abgang, fertiggestellte Hauptmappe bildete bis in das 19. Jahrhundert den wichtigsten markscheiderischen Besitzstand des Ischler Salzberges.

Erst 1815 begann der Geschworene Michael Kefer nach Beendigung der Aufnahme des Hallstätter Salzberges die Vermessungsarbeiten auch in Ischl.

Im Jahre 1818 war der Bergzuseher Michael Kefer mit der für die allgemeine Hofkammer bestimmten Hauptkarte des Ischler Salzberges nebst der erläuternden Beschreibung nach Hallstätter Muster fertig geworden. 1822 konnte Kefer die neuerliche Vermessung des Ischler Salzberges beenden und dem Oberamt die Haupt- und vier Teilkarten überreichen. Den ausgezeichneten Grubenkarten aus dieser Zeit lagen genaue Vermessungen zugrunde, zu deren Durchführung den Markscheidern die besten, damals erzeugten Instrumente zur Verfügung standen. Der Salzbergbau Ischl besaß ein Astrolabium samt Kompass, Horizontalwaage und Stativ.

Im Jahre 1840 verlangte das Oberamt die Neuvermessung aller Salzberge, da die vorhandenen Grubenkarten Fehler in der Ausdehnung der Werker und in der Richtung einzelner Strecken aufwiesen.

Ab 1850 hielt der Theodolit in seine vielen Entwicklungsstufen Einzug in den alpinen Salzbergbau. Grubenkompass und Schinzeug hatten ausgedient.

Ein Theodolit ist ein Winkelmessinstrument, das in der Vermessungskunde zur Messung von Horizontalrichtungen und Vertikalwinkeln Verwendung findet. Hierzu wird er mittels eines Stativs lotrecht über einem Punkt aufgestellt. Eine Sonderform ist der Hängetheodolit, wie er im Bergbau eingesetzt wird.

Im Wesentlichen besteht ein Theodolit aus einem Gehäuse, dem Zielfernrohr, einem Vertikal- und einem Horizontal-Teilkreis, und ein bis zwei Libellen. Letztere dienen zur lotrechten Ausrichtung der Drehachse („Horizontierung“) mittels Stativs.

Durch Drehen und Kippen des Messfernrohres misst der Theodolit horizontale Richtungen (Drehung um seine vertikale Stehachse) und Vertikalwinkel (Drehung um die horizontale Kippachse). Die Winkel werden in Grad oder Gon (360° = 400 Gon) angegeben. Zu jeder Drehachse gehört eine Klemmung und eine Feinbewegung.

Mit einem Theodolit können der Horizontalwinkel als Differenz der Richtungsbeobachtungen zu zwei Zielen sowie der Vertikalwinkel als Distanz vom Messpunkt zum Zenit bestimmt werden.

Während sich die Ablesungen am Vertikalkreis auf den Zenit beziehen, kann die Messung der Horizontalwinkel verschiedene Bezugsrichtungen haben. Zumeist wird der Horizontalwinkel auf einen amtlichen Festpunkt, dessen Koordinaten bekannt sind, bezogen.

Theodolitmessungen erlauben das rasche, genaue Vermessen auch komplizierter Grubenräume.

Verwendete Quellen:

Carl Schraml „Das oberösterreichische Salinenwesen vom Beginne des 16. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts“, Wien 1932

Carl Schraml „Das oberösterreichische Salinenwesen von 1750 bis zur Zeit nach den Franzosenkriegen“, Wien 1934

Carl Schraml „Das oberösterreichische Salinenwesen von 1818 bis zum Ende des Salzamtes 1850“, Wien 1936

„Sole und Salz“, Ausstellung Bad Ischl, Katalog, Bad Ischl, 1987

Michael Ziegenbalg „Markscheidekunst“, Berichte GBA, Bd. 41, Wien 1997

Micheal Ziegenbalg „Aspekte des Markscheidewesens“, Der Anschnitt, Beiheft 2, Bochum 1984