100 Jahre Bergsturz Sandling

Vor 100 Jahren, im September 1920, ereignete sich ein gewaltiger Bergsturz in der Sandling Westwand. Das sogenannte „Pulverhörndl“, rund 200 m hoch, das sich 1765 bei einem Bergsturz von der Sandling Westwand abspaltete, ist im September 1920 zusammengestürzt.

Im Mai 1907 wurde der Gipfel ersterstiegen. Und zwar durch die Ischler Bergführer Mathias Röchenbauer und Alois Wazinger. Ein weithin sichtbarer Steinmann am Gipfel zeugten von Ihrer Erstersteigung. In den folgenden Jahren wurde der Gipfel noch öfters bestiegen und versammelte in seinem Gipfelsteinmann bald die Karten der besten oberösterreichischen Kletterer.

Sandlingturm, Werkszeitung Salinen April 1928
Sandlingturm, Werkszeitung Salinen April 1928
Otto Lehmann,1926

Die Westseite des Sandlinggipfels mit dem Pulverhörndl v o r dem Bergsturz und die alten Schutthalden.

Das abgebildete Haus des Alpengräsergartens hat sein Errichter, Weinzierl, in Voraussicht der Katastrophe rechtzeitig an den Fuß des Raschberges westlich vom Bach verlegen lassen.

Die Westseite des Sandlinggipfels n a c h dem Bergsturz. Ganz links trennt die Absitzfläche Teile der alten Schutthalde von der neuen Riesenschüttung.

Zur Geologie:

Der Sandling ist immer schon ein unruhiger Berg gewesen. Und zwar liegt ein hoher Kalkstock auf plastischen Haselgebirge auf. Und 1920 war ein sehr feuchtes, regnerisches Jahr. Diese Niederschläge drangen durch die klüftigen und durchnässten Kalke und Mergel und weichten die darunter liegenden tonigen Schichten auf. Zusätzlich kam es im Ausseer Salzbergwerk 1920 zu mehreren „Himmelsverbrüche“, die den gerade darüber liegenden Felsmassen des „Pulverhörndls“ die Unterlage destabilisierten. Ab dem Frühjahr 1920 prasselten Steinsalven durch die Sandling Westwand. Den ganzen Sommer über lösten sich, viel häufiger als sonst, mächtige Blöcke aus dem verwitterten Fels und stürzten donnernd zu Tal.

Sandling Gesteinsschichtung, INTERPRAEVENT Wildbachverbauung 1984

Sandling Gesteinsschichtung, Otto Lehmann 1926

Die Katastrophe:

Die durchweichten Schichten wurden in diesem verregneten Sommer  von den festen Kalkmergeln und den darauf ruhenden Kalken an der Westwand buchstäblich ausgequetscht.

 

Am 12. September 1920 geschah dann das unerhörte. 20 Personen befanden sich noch auf der Vordersandlingalm. Am Vormittag gab es immer stärkeren Steinschlag aus der Westwand, der sich zu  ununterbrochenem Lärm steigerte. Ein Bergsteiger, der sich von Altausse um 13 Uhr dem Gipfel näherte, glaubte Zugsverkehr zu hören, was in verwunderte, weil die Bahnstrecken wegen des vielen Regens unterbrochen waren. Der Blick runter wurde bereits von wogenden Staubwolken versperrt.

Etwa um 16'30 nachmittags erfolgten noch gewaltigere Blockstürze, bemerkenswerterweise von den großen Felspfeilern und -spitzen, die zwischen dem Pulverhörndl und der Wand des Berges aufragten. Wahrscheinlich war das die Zeit, wo der Turm von der Wand abrückte und daher die dahinter eingekeilten Felsen freigab. Rechts vom Turm wurde dann Risse und Verwerfungen sichtbar, der Wald unterhalb sank darauf langsam zur Tiefe. Um 17'30 stellte eine Sennerin mit Entsetzen fest, dass der Almboden zu bersten begann. Gegen Abend beruhigte sich der Berg einigermaßen, nachdem die Felsen zwischen Pulverhörndl und der Wand größtenteil heruntergestürzt waren. Auf die Rückseite des Turmes drückten nun keine Gesteinsmassen mehr. Aber auf der Vorderseite hat sich der Druck durch die herabgestürzten Felsen beträchtlich erhöht. Das Pulverhörndl stand jetzt etwas verschoben und abgesondert  vom Berg in die Höhe.

Niemand nahm das aber zum Anlass, die Alm zu verlassen, nur ans Schlafen war nicht zu denken. Etwa um 23 Uhr begann abermals ein furchtbares Getöse und man verspürte bereits eine Unruhe im Boden. Es war Neumond und daher stockdunkel, Staub hüllte die Alm ein, Laternen konnten nichts ausleuchten. Jetzt war die Angst groß: Wertgegenstände wurden noch hastig am Fuße des "Diebskögel" vergraben und der Beschluss gefasst, die Alm samt dem Vieh rasch zu verlassen. Und das nicht über den üblichen Almweg nach Süden entlang des Michelhallbaches, sondern über den Raschberg zur Hütteneckalm. Durch diese Umsicht kam niemand zu Schaden!

 

Der Pulverturm stürzte in der Nacht zum 13. September unter ohrenbetäubenden Donnern in sich zusammen. Ca. 200.000 m3 Gestein ergossen sich Richtung Michelhallbach. Ein großer Teil des auflagernden Gesteins der Sandlingalm wurde daraufhin in die Tiefe gerissen, ein 400 m breiter und 100 m tiefer muschelförmiger Anriss entstand.

Übrigens wurde dabei der ganze Sandling erschüttert, die ganze Westwand war hell gesprenkelt durch herausgebrochene Steine und der Steig durch die Westwand war danach in einem desolaten Zustand.

Die Alm nach der Katastrophe:

Otto Lehmann 1926

Die vier bei der Verwüstung des Almgrundes aufgehobenen und verschobenen Hütten. Von der vierten des H. Joh. Reisenauer sieht man nur die Trümmer rechts vorne.

Sandling_Bergsturz_1920_Josef Kain.jpg
Otto Lehmann 1926
Sandlinalm_1920_Josef Kain
Otto Lehmann 1926

Das "Diebskögerl" und der aufgepresste und vorgeschobene Almgrund, welcher das Wiesentälchen des Baches ausfüllte und so einebnete. Die am 12. September am Fuß des "Diebskögerls" vergrabenen Gegenstände (Kleider und Geräte) sind ganz verschüttet worden und verloren geblieben.

Die Mure:

Eine gewaltige Mure bewegte sich talwärts. Nur der südliche Teil der in Bewegung geratenen Moränenmasse verlor den Zusammenhang und ging als Mure ab. Der obere, nördliche Teil, wurde nur gelockert und ist in die, durch das Ausfließen des Haselgebirges entstandenen Mulde ca. 40 m tief eingesunken.

Am 14. September beobachtete ein Förster aus Bad Goisern, Paul Elsenwenger, vom Fuße der Raschbergwand die Mure, als plötzlich der umgebende Wald zu schwanken begann, es knirschte der Untergrund, Wurzeln brachen. Nur mit knapper Not konnte er sich auf die felsige Talwand retten!

Die Mure erfüllte nun auf ca. 3,7 km das Bachbett des Michelhallbaches und des großen Zlambaches und hat die an der Ostseite einmündenden Quellbäche zu zwei kleinen Seen aufgestaut. 50 m / Stunde war die Anfangsgeschwindigkeit des Murkopfes und legte in den ersten 6 Tagen 2 km zurück. In den folgenden 10 Tagen rückte er noch 1,2 km weit und kam in den nächsten 15 Tagen nach insgesamt 3,7 km zu stehen.

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Otto Lehman 1926

Blick gegen den Südteil der östlichen Ausrissnische. Ein mit Baumleichen belegter zerrütteter Hügel aus Liasmergeln.
Der rundliche Felsturm dahinter leitet das Auftreten des Hallstätter Kalkes am Ostgehänge ein.

Baumleichen bedeckten den Schuttstrom.

Otto Lehman 1926

Stausee an der Mündung eines Nebenbaches.

Dicht vor der Mündung in den Zlambach teilte sich die Mure und eine Insel entstand, auf der die ansehliche und geräumige Leisling-Holzstube stand. Diese wurde in tagelanger Schwerarbeit zerlegt und händisch geborgen.

Zeugen historischer Felssturzkatastrophen finden sich am Fuße des Felsturmes „Uh-sinnig Kira“ (Volksmundausdruck für „Wahnsinns-Schrei“) beim Michelhallbach. Nach archäologischen Grabungen zu Urteilen,  kam es dort bereits während der Römerzeit (ca. im 5Jhdt. A.D.) zu einem Felssturzunglück. Historisch gesicherte Angaben gibt es über eine weitere Katastrophe im Frühjahr 1546, bei der die Obertageanlage des kleinen Salzbergwerkes Michlhallbach durch eine Felslawine verschüttet wurde und Opfer unter den Bergknappen forderte.

​Der Gesteinsstrom von 1920 legte auch Zeugen dieses Salzergwerkes, nämlich eine schwache Solequelle zutage. Sie war rot gefärbt und an mehreren Stellen bloßgelegt worden.

Literatur:

Werkszeitung der österreichischen Salinen April 1928, Bergrat Ing. Hans Reinl

Die Verheerungen in der Sandlingruppe, Otto Lehmann, 1926

Geologische Karte der Republik Österreich Blatt 96 Bad Ischl, 2012

Massenbewegungen im System Hart-auf-Weich und ihre anthropogene Beeinflussung, Weidinger J. T., Spitzbart I. 2005

Vordersandlingalm 2020

Sandling Westwand 25. Februar 2020 aus der Hubschrauberperspektive von Raich Markus: