Soziales – Bruderlade:

Im Gegensatz zu anderen Berufsgruppen gab es für die Beschäftigten im Salzwesen schon früh Unterstützungen im Fall von Krankheit und Alter. Zunächst wurden diese Unterstützungen von den sogenannten Bruderladen (Knappschaftskassen) bezahlt.

Bruderladen waren Einrichtungen, die bis ins ausgehende 19. Jahrhundert von den Beschäftigten selbst durch einen gewählten Ausschuss verwaltet wurden und arbeitsunfähigen bzw. in Not geratenen Beschäftigten eine Unterstützung zukommen ließen. Finanziert wurden sie durch Beiträge der Beschäftigten.

Die Mitgliedschaft in den Bruderladen war keine freiwillige. In den Dienstordnungen wurde genau festgelegt: „Jeder ständig aufgenommene Arbeiter verpflichtet sich, dem Verband der Bruderlade beizutreten und wird dadurch aller den Mitgliedern der Bruderlade zustehenden Rechten und Pflichten teilhaftig.“

Die Einnahmen der Bruderlade kamen vor allem aus den Beiträgen der Arbeiter, die in der Regel einen Kreuzer für jeden Gulden Verdienst, also ein Prozent ihres Lohns, in die gemeinschaftliche Kasse einzahlen mussten. Ab den 1860er Jahren wurde die Beitragsleistung auf zwei Kreuzer pro Verdienstgulden angehoben. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde schließlich eine fixe Beitragshöhe eingeführt, die von alle fünf Jahre erstellten Bilanzen abhängig war.

Zu diesen ordentlichen Einnahmen durch die Mitglieder der Bruderladen gesellten sich außerordentliche Einnahmen: die ständigen Arbeiter mussten etwa bei der Aufnahme in den Dienst sowie bei der ersten Verehelichung eine festgesetzte Taxe bezahlen. Außerdem konnte die Salinenverwaltung auch andere Abgaben an die Bruderlade festsetzen, etwa Strafgebühren bei Dienstvergehen.

Die Unterstützung erwerbsloser Angehöriger von Salzarbeitern galt als eine wesentliche Funktion der Bruderladen. Eine andere bestand in der Unterstützung der Arbeiter selbst; und hier zeigt sich ein großer Unterschied zwischen der Bruderlade der Bergknappen und den Bruderladen, welche die nicht im Salzbergbau tätigen Arbeiter zusammenschlossen. Die ungesunden und gefährlichen Arbeitsbedingungen unter Tag ließen die Kur- und Medikamentenkosten für die Bergknappen doppelt so hoch ausfallen wie jene für die Arbeiter in der Saline und in den Nebengewerben der Salzproduktion. Ein Großteil der schweren Unfälle in der Salzproduktion war auf „Zusammenbruch, Herab- und Umfallen von Gegenständen“ zurückzuführen oder geschah beim „Auf- und Abladen, Heben und Tragen“.

Aus freien Vereinbarungen der Bergleute, Pfannhauser und Holzknechte entstanden, hatte das Salzamt schon zu Ende des 18. Jahrhunderts bestimmenden Einfluss auf die Gebarung der Bruderladen gewonnen und ihr angesammeltes Vermögen als Gemeinbesitz erklärt, worüber den jeweiligen Mitgliedern nur ein beschränktes Verfügungsrecht zustand.

1790 scheinen unter den Ischler Bergarbeitern Bestrebungen geherrscht zu haben, das Bruderladevermögen aufzuteilen und zu diesem Ende die Aufhebung der Bruderschaftskasse zu erwirken. Die Hofkammer erlaubte dies nicht und sicherte im Gegenteil den Bestand der Bruderlade durch ein neues verschärftes Statut. Dadurch war das Vermögen der Bruderlade nicht mehr Privateigentum der jeweiligen Mitglieder sondern Kommunitätsbesitz, auf dessen Ertrag nur den erkrankten und notleidenden Arbeitern ein Anspruch zustand. Der Eintritt in die Bergarbeit verpflichtete jeden stillschweigend zum Beitrage von wöchentlich zwei Pfenning, die Verweigerung der Zahlung hatte die Entlassung des Arbeiters zur Folge.

Die natürliche Entwicklung der Bruderladen ging von den einzelnen Betriebszweigen aus, deren Angehörige sich zum Zwecke der gegenseitigen Unterstützung zu einer Körperschaft zusammenschlossen und mit geregelten Beiträgen eine gemeinsame Hilfskasse schufen. So gründete bei den Verwesämtern jede Berufsgruppe eine eigene Bruderlade mit ihren Verhältnissen angepassten Beiträgen und Gegenleistungen. 1825 gab es im Dienstbereich des Gmundner Salzamtes 44 Bruderladen.

Dabei wirtschaftete jede Bruderlade nach ihrer eigenen Art; manche hatten überhaupt keine feststehenden Satzungen. Die Hofkammer drang daher schon 1818 darauf, ihnen bestimmte Direktiven anzuweisen, die für alle Bruderladen Geltung haben sollten. Dieser Eingriff erregte die allgemeine Unzufriedenheit der Arbeiterschaft. Die Hofkammer gab aber nicht nach und so mussten sich die Arbeiter fügen.

Ebenso dringlich wie die Vereinheitlichung der Satzungen war die Verringerung der Bruderladen durch Zusammenlegung der verwandten Gruppen. Ihre allzu große Anzahl erschwerte die Überwachung der Gebarung und verteuerte die Verwaltung, da jede Bruderlade ihre eigenen Funktionäre besaß und für ihre Mühewaltung entschädigte. Die Zahl der Bruderladen in Ischl konnte 1828 von ursprünglich 12 auf 6 um die Hälfte vermindert werden.

Die Hofkammer wollte 1847 in der Zusammenfassung der Bruderladen noch weiter gehen und bei jeder Salinenverwaltung nur eine einzige Bruderlade belassen. In Ischl bestanden 1848 noch 2 Bruderladen, eine für die Salzbergarbeiter und eine für die Pfannhauser.  

Die weit vorgeschrittene Umbildung der Bruderladen verlangte eine für alle Salinenverwaltungen gleichmäßige Gebarungsvorschrift, die im Jahre 1849 auch zustande kam. Sie sah für jede Bruderlade einen Verwaltungsrat vor, der sich aus dem leitenden Brudermeister, den Ausschüssen und einem Rechnungsführer zusammensetzte.

Der Verwaltungsrat bestimmte in regelmäßigen Sitzungen die Höhe und den Umfang der Ausgaben, die sich streng nach den Einkünften zu richten hatten. Die Einkünfte bestanden aus den Zinsen des Vermögens sowie den fortlaufenden und fallweisen Beiträgen der Mitglieder. Letztere waren zu entrichten bei der Aufnahme, bei Vorrückungen und bei der Verehelichung der Arbeiter; die Bestimmung des Ausmaßes dieser Beiträge bedurfte der oberbehördlichen Genehmigung.

Zur Bruderlade gehörten die Meister und alle ständigen Arbeiter, die schon durch ihre Aufnahme in den Dienst Mitglieder der Bruderlade wurden und es solange verblieben, als sie in den Salinenverwaltungen beschäftigt waren.

Die Bruderladen dienten seit ihrem Bestehen hauptsächlich der gegenseitigen Hilfeleistung und Unterstützung in Bedrängnis überall dort, wo die staatliche Fürsorge nicht ausreichte. Die Voraussetzungen dazu wechselten je nach dem Vermögensstande und der wirtschaftlichen Lage der Arbeiter, auch die Auffassung der genehmigenden Hofkammerblieb nicht immer dieselbe.

1824 erklärte sie die Einkünfte der Bruderlade nur für Unglücksfälle bestimmt, gesunde Arbeiter hätten kein Recht darauf und sollten sich, wenn ihr Verdienst zu gering wäre, durch anderweitige Beschäftigung einen Ersatz verschaffen.

1830 entschied die Hofkammer schon anders. Sie erlaubte, dass Arbeiter, die heirateten, ohne die Zusicherung der Provisionsfähigkeit für die Familien zu erlangen, aus der Bruderlade unterstützt werden durften.

Im Jahre 1849 dehnte das Ministerium die Unterstützungen aus der Bruderlade auch auf erkrankte Arbeiter aus, wenn ihre Erkrankung länger als zwei Wochen dauerte.

Das Salzamt sorgte dafür, dass der Verwaltungsrat mit den Mitteln der Bruderlade haushälterisch wirtschaftete und Rücklagen machte, die in der Regel zinstragend in Wertpapieren angelegt wurden. Die sparsame Gebarung mit den Bruderladegeldern hatte eine stete Vergrößerung des Stammvermögens zur Folge. 1849 war das Gesamtvermögen der Bruderladen des Oberamtes bereits auf 140.292 Gulden angewachsen.

Bereits unter Kaiserin Maria Theresia versuchte man durch eine 1773 erlassene „Bruderladenordnung“ den sozialen Schutz im Bergbau zu vereinheitlichen. Dies gelang jedoch nicht, vor allem wegen der höchst unterschiedlichen finanziellen Situation der einzelnen Bruderladen.

Mit dem „Allgemeinen Berggesetz“ vom 23.05.1854 versuchte man die Vielfalt der Bestimmungen bezüglich der Bruderladen zu vereinheitlichen. Jedem Bergwerksbesitzer wurde auferlegt, für die Errichtung einer eigenen Bruderlade zu sorgen. Damit sollte sichergestellt sein, dass jeder „ständig“ im Bergbau arbeitende Knappe Versicherungsschutz genieße. Zugleich wurden alle Knappen verpflichtet, den vorgeschriebenen Beitrag an die jeweilige Bruderlade zu entrichten. Die entsprechende Summe wurde meist vom Bergwerkseigentümer bei der Lohnauszahlung einbehalten und direkt an die Bruderlade übermittelt. Nur vorübergehend im Bergwerk tätige Arbeitskräfte, wie Taglöhner, waren von dieser Versicherungspflicht ausgenommen.

Den Arbeitgebern stand es frei, nach eigenen Gutdünken finanzielle Zuschüsse an die Bruderladen zu leisten. Eine Verpflichtung zur Beitragsleistung war nicht festgeschrieben worden. Hingegen wurde angeordnet, dass alle von den Berghauptmannschaften verhängten Strafgelder den Bruderladen jener Bergwerke zugewiesen werden mussten, denen der Bestrafte zuzurechnen war.

Interessant ist, dass im „Allgemeinen Berggesetz“ auch sozialpartnerschaftliche Ansätze zu finden waren. So mussten die Statuten der Bruderladen vom Bergwerkseigentümer gemeinsam mit einem Knappschaftsausschuss, welcher von den Arbeitnehmern gewählt wurde, beschlossen und der Berghauptmannschaft gemeldet werden.

Allerdings hatte das Bergesetz von 1854 wegen teilweise recht unklarer Regelungen viele Nachteile. Die Bergleute bemängelten, dass wegen des dezentralen Systems der Bruderladen bei einem Arbeitsplatzwechsel auch ein Verlust der Ansprüche gegen jene Bruderlade verbunden war, in die bislang eingezahlt worden war. Ein weiterer Mangel war, dass zwar gleichförmige, aber sehr kleine Kassen geschaffen worden waren, bei denen die Mitgliederzahl meist zu klein war. Von den im Jahre 1881 registrierten 354 Bruderladen konnten nur 261 vernünftige Bilanzen vorlegen und nur 136 Bruderladen wurden durch die Arbeitgeber durch Beiträge unterstützt.

Das „Bruderladengesetz“ vom 28.07.1889 schaffte endlich die angestrebte Vereinheitlichung in der Organisations- und Leistungsstruktur der Bruderladen. Um die finanzielle Basis der Bruderladen zu verbessern, wurden nunmehr die Werksbesitzer zur obligatorischen Mitfinanzierung herangezogen. Zur Schaffung klarer Verwaltungsstrukturen wurden die Sparten „Krankenunterstützung und Begräbnisgelder“ und „Provisionsversicherung für Invaliden, Witwen und Waisen“ als eigene Verwaltungsabteilungen geschaffen. Vor allem die Provisionsversicherung war zukunftsweisend, da für die übrigen Berufsgruppen erst viel später Pensionsversicherungen eingeführt wurden; etwa für Privatangestellte erst 1906.

Die einzelnen Bruderladen wurden verpflichtet Reservefonds anzulegen. Für sämtliche Bruderladen wurde ein Zentralreservefonds geschaffen. Damit wurde auch für den Fall von Massenunglücken vorgesorgt.

Der Erste Weltkrieg und die ihm folgende politische Neuordnung Österreichs hatten auch auf die Bruderladen tiefe Auswirkungen. Die neu gezogenen Staatsgrenzen brachten es mit sich, dass die Zahl der im Staatsgebiet verbliebenen Bergwerke drastisch gesunken war. Ein wesentlicher Unsicherheitsfaktor, welcher das soziale System in Frage stellte, war der Umstand, dass die österreichische Währung ihren Wert als vernünftige Recheneinheit einbüßte. Die Folge war eine immer schneller einsetzende, und schließlich galoppierende Inflation. Durch diesen Inflationsprozess waren sowohl die Kapitalreserven der Bruderladen vernichtet, es waren aber auch die den Versicherten zugestandenen Leistungen wertlos geworden. So war die junge Republik gezwungen, den „Provisionisten“ Zuschüsse zu gewähren, die laufend der Inflation angepasst werden mussten.

Nach Abschluss der Währungssanierung, die 1925 mit der Umstellung von der Kronen- auf die Schillingwährung erfolgte, wurde per Gesetz ein „Bergbaufürsorgefonds“ eingerichtet, welcher durch Bergbaubetriebe gespeist werden musste.

Mit dem „Angestelltenversicherungsgesetz“ 1925 wurden Aufseher und Werkmeister von der Pensionsversicherung der Angestellten erfasst.

Im Sog der Weltwirtschaftskrise musste der ursprünglich als temporäre Einrichtung geplante „Bergbaufürsorgefonds“ immer wieder verlängert werden.

Am 21.07.1933 wurde durch die „Bergarbeiterversicherungsverordnung“ die historische Kontinuität der Bruderladen unterbrochen. Mit diesem Gesetz wurden die Bruderladen kurzerhand aufgelöst und das Kranken-, Invaliden- und Hinterbliebenenrecht im Bergwesen völlig neu geregelt. Zur Finanzierung der Bergarbeiter - Provisionisten wurde ein eigener „Bergarbeiterversicherungsfonds“ gegründet.

Mit dem 1935 beschlossenen Gesetz betreffend die gewerbliche Sozialversicherung wurde die Sonderstellung der Bergleute endgültig beseitigt und diese der gewerblichen Sozialversicherung unterstellt. Der „Bergarbeiterversicherungsfonds“ wurde wieder aufgelöst.

Nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich wurde das deutsche Sozialrecht auch auf die „Ostmark“ übertragen. Ab 01.01.1939 waren die Bergleute wiederum in einer sozialrechtlichen Sonderstellung. Als eigener Kranken- und Pensionsversicherungsträger war nun die „Reichsknappschaft“ mit ihrem Hauptsitz in Berlin zuständig. Die ostmärkischen Bergbaue unterstanden der Bezirksknappschaft in Graz als Organisationseinheit. Als „Mittler“ zwischen der Knappschaft und den Versicherungsnehmern dienten die „Knappschaftsältesten“, die in jedem Revier ernannt wurden.   

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches wurde, um die Kontinuität in der Betreuung der Versicherten zu gewährleisten, zunächst durch das „Reichsüberleitungsgesetz“ vom 01.05.1945 festgelegt, dass die reichsgesetzlichen Bestimmungen als vorläufiges österreichisches Gesetz weitergelten sollen. Erst mit dem 1. „Sozialversicherungs – Neuregelungsgesetz“ vom 03.04.1952 wurden österreichische Regelungen eingeführt.

Für die Kranken- und Rentenversicherung der Bergleute war ab 01.01.1956 die in Graz befindliche „Versicherungsanstalt des österreichischen Bergbaues“ zuständig, während die Unfallversicherung durch die „Allgemeine Unfallversicherungsanstalt“ erfolgte.

In den letzten Jahrzehnten haben sich im österreichischen Bergbau tiefgreifende Veränderungen ereignet. Durch Rationalisierungen und durch Stilllegungen zahlreicher unrentabel gewordener Betriebe ist die Zahl der Bergarbeiter deutlich abgesunken. Der verringerten Zahl aktiv Versicherter steht durch Frühpensionierungen und durch gestiegene Lebenserwartung eine hohe Anzahl von Pensionisten gegenüber.

Deshalb wurde am 01.05.2005 die Versicherungsanstalt der österreichischen Eisenbahnen mit der Versicherungsanstalt des österreichischen Bergbaues fusioniert.      

 

Die Bedeutung der Bruderladen ist auch heute noch nicht gänzlich zurückgegangen. Um die Jahrhundertwende erfolgte die Umbildung der Bruderladen in die heute noch bestehenden Unterstützungsvereine bei den Betrieben der österreichischen Salinen. Daneben sind die Bruderschaften der Salzbergleute und der Salinenarbeiter bis heute als Träger des kulturellen Brauchtums aktiv.

 

 

Verwendete Quellen:

Carl Schraml „Das oberösterreichische Salinenwesen vom Beginne des 16. Bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts“, Wien 1932

Carl Schraml „Das oberösterreichische Salinenwesen von 1750 bis zur Zeit nach den Franzosenkriegen“, Wien 1934

Carl Schraml „Das oberösterreichische Salinenwesen von 1818 bis zum Ende des Salzamtes 1850“, Wien 1936

Ischler Heimatverein „Bad Ischl Heimatbuch 2004“, Bad Ischl 2004

„Bergbau – Alltag und Identität der Dürrnberger Bergleute und Halleiner Salinenarbeiter“, Salzburger Beiträge zur Volkskunde, Salzburg, 1998

Alois Fellner „Bergmännisches Handwörterbuch“, Wien, 1999

„Grubenhunt und Ofensau“, Beitragsband zur Kärntner Landesausstellung 1995,              Klagenfurt 1995

„100 Jahre Bruderladengesetz“, Versicherung des österreichischen Bergbaues, Graz 1989