11 b   Das steinerne Hauptrinnwerk "Zwischen den Bergen"

 

Der Ischler Salzstock besitzt die Form eines nach oben zulaufenden, gegen Norden geneigten Flachkeils, der von Osten nach Westen streicht. Im Bereich der Reinfalzalm beißen die salzführenden Schichten nach ober Tage aus. Da die keilförmige Lagerstätte spitz nach oben ausläuft, waren die oberen Stollen eine große Enttäuschung. Die Nord – Süd Erstreckung des Salzlagers lag bei lediglich 40 m, das Ost – West Streichen bei rund 250 m.

 

In diesem kleinen Salzlager erreichten die angelegten Laugwerke rasch das Deckgebirge und somit wasserführende Kalkschichten. Das Eindringen sogenannter Raubwässer führte immer wieder zu ausgedehnten Werksverbrüchen, die sich infolge der geringen Mächtigkeit der überlagernden Deckschichten bis in das Taggelände der Reinfalzalm sowie in den südlich der Reinfalzalm gelegenen Bereich „Zwischen den Bergen“ fortsetzten. In den so entstandenen Verbruchsräumen („Pingen“) sammelte sich das Oberflächenwasser und drang ungehindert in die Grubenräume mit teils verheerenden Folgen ein.

Bereits um 1600 erkannte man die Notwendigkeit, das Oberflächenwasser gezielt in hölzernen Rinnwerken zu sammeln, um es rasch aus den Verbruchsgebieten der Reinfalzalm ableiten und somit weitere Schäden im Bergbau verhindern zu können.

1738 kam es in der, im Frauenholz Stollen gelegenen, verschnittenen Streybel und Seitzen Wehr zu einem katastrophalen Wassereinbruch. Am 16. April 1738 wurde aus diesem Grund eine Beschau abgehalten, bei der der Anschlag eines neuen Wasserstollens (Mittlerer Wasserstollen) im Gebiet der Reinfalzalm zur Aufsuchung der Raubwässer sowie eine Verlängerung des bereits bestehenden Rinnwerkes beschlossen wurde. Der erhoffte Erfolg blieb jedoch aus, da bis zur Errichtung eines Wasserschurfes im Lipplesgraben Stollen im Jahre 1769 Süßwasser ungehindert in den Frauenholz Stollen eindrang. Dieser Wasserschurf wurde untertägig in die noch heute im Gelände deutlich erkennbare, fast 15 m tiefe Pinge erfolgreich zur Wasserableitung vorgetrieben. Das Rinnwerk am Reinfalz wurde in den Jahren 1746 und 1741 erweitert, um die schädlichen Tagwässer oberhalb das Salzlager sicher ableiten zu können.

1769 fand Hofkammerrat Gigant die bis in den Frauenholz Stollen eingedrungenen Tagwässer im Lipplesgraben Stollen gut zusammengefasst. Zum Schutz des Salzlagers gegen das Absitzen der Niederschlagswässer war die Taggegend bereits von einem dichten Netz von Abzugsgräben und Seitenrinnwerken durchzogen, deren dauernde Instandhaltung jedoch große Kosten erforderte. Um diese zu verringern, entschloss sich das Verwesamt 1795, jenen Teil der Entwässerungsanlagen aufzugeben, der über Letten, also wasserundurchlässigen Grund führte und wo das weitere Eindringen der Tagwässer nicht mehr zu befürchten war.

Eine größere Ausbesserung des damals bereits 1.125 Klafter (2.133,54 m) langen Haupt- und Seitenrinnwerkes, das teils in Letten geschlagen und teils aus Holzrinnen bestand, wurde in den Jahren 1830 – 1831 vorgenommen.

1843 erfolgten abermals ausgedehnte Werksverbrüche am Ischler Salzberg. Das Erlach – Werk im Frauenholz Stollen sowie die Werke Mohr und Freund im Elisabeth Stollen gingen zu Bruch und erlaubten so das Eindringen großer Raubwassermengen aus den Deckschichten. Neben der Auffahrung des Keeler Schuttes im Amalia Stollen zur unmittelbaren, untertägigen Aufsuchung der Wasserwege beschloss man auch die Wasserrinnwerke auf der oberhalb gelegenen Reinfalzalm weiter auszubauen.

 

Um die Ausbesserungsarbeiten und die damit verbundenen Kosten für das umfangreiche Wasserrinnwerk zu verringern, wurde dieses ab 1840 bei erforderlichen Ausbesserungsarbeiten anstatt aus Holz aus händisch behauenen Kalkquadersteinen hergestellt. Der Regelquerschnitt des Quaderrinnwerkes wurde mit 20 cm Tiefe und 45 cm Breite festgelegt. Das erste Quaderrinnwerk wurde zwischen 1840 und 1850 auf einer Länge von 92 Klaftern (174,48 m) vom Reinfalzanger bis zum Niederen Wasserstollen errichtet.

Als Ersatzbau für die bereits 1567 erbaute hölzerne Stollenhütte am Lipplesgraben Stollen genehmigte das kk Finanzministerium im Jahre 1892 die Errichtung einer in Steinmauerwerk ausgeführten Arbeiter Unterkunftshütte.

Ende 1905 betrug die Gesamtlänge des Rinnwerkes noch 1.103,00 m. Davon waren 201,30 m aus Holz und 901.70 m aus Quadersteinen ausgeführt.

Ab 1913 begann man anstatt der aufwendig händisch hergestellten Quadersteine Betonfertigelemente einzusetzen. Die sogenannten „Zementrinnen“ mit zwei unterschiedlichen Regelprofilen (45 bzw. 35 cm Breite bei 20 cm Tiefe) wurden im Pernecker Röhrenwerk unweit des Leopold Stollens hergestellt. In den Jahren 1913, 1917 – 1918 und 1918 – 1919 wurden noch 135 m des Holzrinnwerkes durch Zementrinnen ausgewechselt.

Ab 1924 kam es infolge neuerlicher Werksverbrüche zu ausgedehnten Geländesetzungen und Rutschungen im südöstlichen Bereich der Reinfalzalm. Bis 1927 geriet eine Fläche von mehr als 9.500 m² in Bewegung. Davon betroffen war auch das steinerne Hauptrinnwerk, das auf eine Länge von rund 150 m zerstört wurde. Als Ersatz wurden zwei kostengünstige hölzerne Rinnwerke parallel zum zerstörten Hauptrinnwerk errichtet.

Bis 1950 wurde das „Steinerne und hölzerne Wasserrinnwerk zwischen den Bergen“ vom Ischler Salzbergbau jährlich instandgesetzt. Dabei bewohnte der Bautrupp die Stollenhütte beim Lipplesgraben Stollen. Nach Beendigung der Instandhaltungsarbeiten am Wasserrinnwerk konnte die Stollenhütte von den Salinen an den Landesverband der OÖ Höhlenforscher verpachtet werden.

Im Zuge der Errichtung eines Forstweges „Zwischen den Bergen“ wurde zu Beginn der 1970er Jahre das steinerne Hauptrinnwerk über große Bereiche zerstört oder überschüttet. Mitglieder der IGM konnten im Mai/Juni 2020 mit erheblichem Aufwand und nur mit Handarbeit dieses für den Ischler Salzberg wichtige montanhistorische Denkmal auf einer Länge von ca. 100 m wieder freilegen.

 

Verwendete Quellen:

Ischler Heimatverein „Bad Ischl Heimatbuch 2004“, Bad Ischl 2004

Anton Schauenstein „Denkbuch des österreichischen Berg- und Hüttenwesens“, Wien 1873

Michael Kefer „Handkarten des Ischler Salzberges“, 1829, Transkription Nussbaumer, 30.04.2019, Archiv Salinen Austria

Carl Schraml „Das oberösterreichische Salinenwesen von 1750 bis in die Zeit nach den Franzosenkriegen“, Wien 1934

Carl Schraml „Das oberösterreichische Salinenwesen von 1818 bis zum Ende des Salzamtes 1850“, Wien 1936

NN „Wasserrinnwerk aus Quadersteinen“, Ischler Lagerbuch Nr. 50, Transkription Thomas Nussbaumer, 01 07 2018, Archiv Salinen Austria

Ischler Salzberg, Rinnwerk Reinfalz, 1907, Planarchiv Salinen Austria, Archivnummer BI – 35 – 13214

Alfred Pichler „Lipplesgrabenstollenhütte“, LVFH OÖ, Linz, 2003